Stereotype des Ruhrgebiets und die mediale Konstruktion eines neuen Bildes der Region

von Klara K.

Die Darstellungen des Ruhrgebiets auf Instagram am Beispiel der Ruhrpott Roamers und der Meme-Kampagne des Initiativkreis Ruhr.

Ein rosafarbenes Blütenmeer vor einem frischen grünen Grund? Damit hätten wir wohl nicht gerechnet, wenn wir an den „Ruhrpott“ denken. Genau darauf spielt der Initiativkreis Ruhr mit seiner Meme-Kampagne #läuftimruhrgebiet an. Warum verbinden wir das Ruhrgebiet nicht damit, sondern haben zuerst das Bild einer grauen und hässlichen Industrieregion vor Augen? Auch das Fotografenkollektiv Ruhrpott Roamers scheint das zu stören.

Abb.1: „Frühling auf der Alm?“, Meme: Das Ruhrgebiet, Inititativkreis Ruhr.

Während es sich bei den einen um ein großes Wirtschaftsbündnis aus mehr als 70 Unternehmen und Institutionen der Region handelt, sind die Ruhrpott Roamers ein Fotografenkollektiv, gegründet von drei Freunden. Diese haben sich vorgenommen, ihre eigene Heimat zu erkunden, Klischees über die Region zu bestätigen oder zu widerlegen und ein offenes Tourismusprojekt in den sozialen Medien zu starten.[1] Die Interessen des Initiativkreis Ruhr sind vor allem „die Entwicklung des Ruhrgebiets voranzutreiben und seine Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken“.[2] Der Junge Initiativkreis Ruhr hat jedoch auch vor, die vorherrschenden „Bilder im Kopf über das Ruhrgebiet“, um weitere zu ergänzen. Und dies machen sie mit ihrer Meme-Kampagne #läuftimruhrgebiet.

Auch wenn sich der Initiativkreis Ruhr und die Ruhrpott Roamers stark voneinander unterscheiden, verbinden sie einige Dinge: Beide Gruppen sehen die Stärke des Ruhrgebiets in der Verschmelzung von mehreren Städten zu einer großen Region und beide wollen dessen Bild medial aufbessern.[3]

Als Memes bezeichnet der Initiativkreis Ruhr Fotos, die „durch eine knackige Überschrift eine neue Bedeutung“ erlangen. Dabei ist die Botschaft „überraschend, pointiert und gerade deshalb witzig“.[4]
Über die Kampagne werden junge Menschen, insbesondere Bewohner*innen des Ruhrgebiets, eingeladen, eigene Memes über das Ruhrgebiet zu erstellen, um dessen Besonderheiten hervorzuheben. Explizit fordern sie dazu auf, „Orte oder Objekte“ zu fotografieren, „die etwas Eigenes haben oder die man im Ruhrgebiet so nicht erwarten würde“.[5] Neben der Website dasruhrgebiet.de nutzt der Initiativkreis Ruhr zur Veröffentlichung der Memes und deren Verbreitung die Social Media Plattformen Facebook, Twitter und Instagram.

Auch die Ruhrpott Roamers nutzen die Plattform Instagram zur Veröffentlichung ihrer Beiträge. Ihre Fotos reichen von Natur- und Landschaftsaufnahmen, über Zechen und Industriedenkmäler, bis zu Gebäuden und verschiedenen Szenen des städtischen Alltags.

In diesem Blogeintrag möchte ich einen Blick darauf werfen, wie die beiden Gruppen versuchen, medial ein neues Bild des Ruhrgebiets zu konstruieren und vorherrschende Stereotype und Klischees zu entkräften. Dabei schaue ich erst auf vorhandene Stereotype über die Region und zeige in einem zweiten Schritt, wie diese anhand der geposteten Bilder und Memes aufgebrochen oder bestärkt werden.

Bier, Fußball, Currywurst und alles grau – vorherrschende Stereotype des Ruhrgebiets

Auf Instagram haben die Ruhrpott Roamers vor einiger Zeit in einer Story[6] nach den Klischees ihrer Abonnent*innen über den Ruhrpott gefragt. Unter den Antworten, die sie wiederum teilten, fanden sich neben Vorurteilen über den regionalen Sprachgebrauch und Redensarten der Einwohner*innen – z.B. „Hömma!“ oder „Wir ham dat Herz auffe Zunge!“ – auch Klischees über die Esskultur, die Ruhrpottler*innen selbst sowie über das äußere Bild der Region und ihre Kultur.  

Verschafft man sich auf diese Weise einen Überblick, so entsteht das klischeehafte Bild des*der typischen Ruhrpottler*in als bodenständige, herzliche und ehrliche Person der Arbeiterklasse, die schon bei Geburt eine Grubenlampe in der Hand hält, etwas schmuddelig aussieht, Fußball liebt, fürs Leben gerne Currywurst isst und zu einem „Pilsken anne Bude“ nicht nein sagt. Während die Klischees über die Ruhrpottler*innen humorvoll erscheinen und sie mit den Adjektiven „bodenständig“, „herzlich“ und „ehrlich“ unseren Gesamteindruck positiv beeinflussen, sind die Stereotype über das äußere Bild der Region eher negativ: „Kein Grün, nur Industrie“, „Dreck und Schmutz“, „Grau grau grau“ „Laut, schlechte Luft“, „Hässliche Innenstädte“, „Immer überall Stau“.

Auch Rolf Lindner beschreibt in seinem Aufsatz „Ethos der Region“ das negative Image des Ruhrgebiets, das es schon seit der Blüte der Industrialisierung begleitet. Zwar sei der ökologische Diskurs des Ruhrgebiets als „umweltverschmutzte Region“ noch zu Lindners Zeit recht neu gewesen, allerdings beziehe sich die Assoziation von „Dreck“ und „Schmutz“ neben den schädlichen Folgen der Montanindustrie für die Umwelt auch auf die „schmutzige“ Arbeit der Bevölkerung im Bergbau, sowie auf  Armut und eine moralische und soziale „Verkommenheit“ der Menschen.[7]

Diese Stereotypisierung kann anhand von Lindners Gedanken eines spezifischen „Ethos“ des Ruhrgebiets erklärt werden. Unter „Ethos“ versteht er eine bestimmte „Tönung“ einer Gesellschaft bzw. einen „Charakter“ oder „Stil“ ihrer Kultur, der sich durch vielfältige immer wieder auftauchende Muster und „kulturelle Details“ herausbildet.[8] Lindner zufolge hat dieser Ethos im Falle des Ruhrgebiets seine Ursprünge innerhalb einer Homogenisierung der Arbeiterklasse zur Zeit der Montanindustrie.[9] Auch wenn das Industriezeitalter längst vorüber ist, ist das Ruhrgebiet durch die gemeinsame Erfahrung des Bergbaus geprägt und einige der bis heute vorherrschenden Stereotype können auf diese Erfahrung zurückgeführt werden.

Der „Pott“ aus Sicht der „Ruhrpottler*innen“

Auf Instagram schaffen die Ruhrpott Roamers ein Bild des Ruhrgebiets zwischen Industrieidylle, grünen Landschaften, Kultur, Alltag und Freizeitangeboten, welches im deutlichen Kontrast zum Stereotyp einer grauen, hässlichen Industrieregion steht. Fotografisch heben sie vor allem die positiven und ästhetischen Seiten des Ruhrgebiets hervor. Zwar zeigen sie auch Industriedenkmäler, Zechen und Fördertürme, allerdings werden diese fotografisch geschickt vor einem Feuerwerk, einem orange-roten Sonnenuntergang oder im Hintergrund bunter Laubbäume oder blühender Wiesen in Szene gesetzt, wodurch sie einen fast romantischen Eindruck erwecken und selten „grau“ wirken.

Abb. 2: Förderturm der Zeche Radbod, Foto: Ruhrpott Roamers / Carsten Deckert.

Verstärkt wird das Bild eines grünen Ruhrgebiets durch vielfältige Landschaftsaufnahmen weitläufiger Feldwege, bunter Blumenwiesen, von Seen, Wäldern und Halden.  

Abb. 3: Korte Klippe, Essen, Foto: Ruhrpott Roamers / Carsten Deckert.

Aber sie zeigen auch Szenen des Alltags. So sind auf einigen Bildern Personen (meist anonym von hinten) zu sehen, wie ein Arbeiter auf einer Baustelle am Dortmunder Hauptbahnhof, eine Frau vor einem Bücherschrank und ein Kayakfahrer auf der Ruhr. Das Ruhrgebiet wird hier nicht nur als Raum der Arbeit, sondern auch als Raum für Freizeit und Kultur repräsentiert.

Die Meme-Kampagne #läuftimruhrgebiet

Eine andere Strategie verfolgt der Initiativkreis Ruhr mit seinen Memes.

Memes sind nach Christian Ritter Bilder, die in Verbindung mit Texten oder anderen Elementen gebracht werden und darüber eine „neue meist parodische und oft skurrile Bedeutung“ transportieren.[10] Die Bedeutungsdimension entsteht nach Ritter dadurch, dass Memes auf bestimmte „sub- und populärkulturelle[ ] Wissensbestände“ verweisen. Die Pointe entsteht oftmals entlang der „Bruchlinien von Bild und Text, von Klischee und Erfahrung und von Imagination und Realität“.[11] Hier werden so Stereotype tatsächlichen Erfahrungen gegenübergestellt. Bei der Meme-Kampagne #läuftimruhrgebiet funktioniert das so, dass ein Ort, der zunächst nicht identifizierbar ist, abgebildet wird. Dabei handelt es sich meist um Naturaufnahmen oder ästhetisch wirkende Kunstobjekte. Durch ein Textelement, mit der Frage, ob es sich um einen spezifischen, meist touristischen Ort handelt, wird eine erste Bedeutung geschaffen. Diese entsteht, indem sich dem Wissensbestand um die Bekanntheit des genannten Ortes bedient wird. Es handelt sich jedoch um eine falsche Fährte. Die Frage wird stets verneint, mit der Nennung des tatsächlich auf dem Foto abgebildeten Ortes im Ruhrgebiet, wodurch es zu einem Überraschungseffekt kommt. Diese parodische Bedeutung kann in Anlehnung an Ritter nur im Zusammenhang der Bruchlinie des Wissens über das Klischee des Ruhrgebiets als graue hässliche Region entstehen, der abgebildeten Realität, die das Gegenteil beweist und über das Textelement, das zusätzlich einen absurd wirkenden Vergleich zu einem bekannten, exotisch wirkenden Ort herstellt.

So sieht man etwa auf einem Meme einen Kanal im Grünen vor blauem Himmel mit der Aufschrift „Morgenstimmung über dem Amazonas?“ – „Nein in Oberhausen!“. Hier wird der Rhein-Herne-Kanal mit dem Amazonas verglichen. Durch diesen Vergleich werden zweierlei Dinge deutlich: Zum einen soll das Ruhrgebiet (hier durch den Rhein-Herne-Kanal repräsentiert) als ähnlich sehenswerter Ort wie der Amazonas in Südamerika dargestellt werden – auch wenn die Botschaft ironisch und humorvoll vermittelt wird. Andererseits wird über den Überraschungseffekt, dass es sich „nur“ um Oberhausen handelt, auf das Klischee des Ruhrgebiets oder das vorherrschende wenig aussagende Bild des Rhein-Herne-Kanals angespielt, das hier versucht wird zu überwinden. Würde es sich beim Vergleich mit dem Amazonas um einen ähnlich bekannten touristischen Ort handeln, wie z. B. den Nil, oder jedoch um zwei unbekannte Orte, zu denen kein Vorwissen besteht, verlöre das Meme seine überraschende und witzige Botschaft.

Abb. 4: „Morgenstimmung über dem Amazonas?“, Meme: Das Ruhrgebiet, Initiativkreis Ruhr.

Dies erklärt Ritter auch anhand des encoding/decoding-Modells von Stuart Hall. Kern des Modells ist, dass „Medieninhalte nicht subjektiv ‚gelesen‘ werden, sondern immer vor dem Hintergrund der sozialen und institutionellen Kontexte“, in denen sich die Empfänger*innen befinden.[12] Zwar wird auch durch die Produzent*innen des Memes eine Bedeutung intendiert, diese entsteht jedoch bei den Empfänger*innen erst vor dem Hintergrund vorherrschender Wissensbestände und sozial geprägter Vorstellungen. So verliert das Meme für Empfänger*innen ohne Bezug zum Kontext an Bedeutung.

Auch über die Meme-Kampagne wird versucht, das Ruhrgebiet über seine grüne Seite zu repräsentieren. Der Überraschungseffekt funktioniert dabei wiederum nur vor dem Hintergrund des Wissens um das Stereotyp des „grauen Ruhrpotts“, von dem man Blumenwiesen und grüne Landschaften nicht erwarten würde. So wird mit einer rosa Blütenpracht (siehe Titelbild) eben nicht in Hamm gerechnet, sondern eher in Süddeutschland auf der Alm.

An diesen Beispielen der Bilder der Ruhrpott Roamers und der Meme-Kampagne des Initiativkreis Ruhr wird deutlich, wie vorherrschende Stereotype des Ruhrgebiets, insbesondere dessen „grauen“ und hässlichen Seiten, dekonstruiert werden, indem es medial neu als grüne Region repräsentiert wird. Dabei entsteht ein neues, positives Bild einer sehenswerten und vor allem facettenreichen Region.

Der Instagram Feed der Ruhrpott Roamers und des Initiativkreis Ruhr sind dabei nur zwei Beispiele vieler Versuche, das Image der Region nach außen aufzubessern. Wie sich diese Versuche tatsächlich auf das Bild der Region auswirken und ob sie in der Lage sind, es auf lange Sicht zu ändern, wäre interessant zu untersuchen. Mich selbst haben die Bilder positiv überrascht und meine Aufmerksamkeit wurde auf viele schöne Orte gelenkt, die ich bisher nicht kannte.



Bildquellen:
Abb. 1: Titelbild: „Frühling auf der Alm?“, Meme: Das Ruhrgebiet, Initiativkreis Ruhr. Online unter: https://www.instagram.com/dasruhrgebiet/ (Stand: 06.06.2019).
Abb. 2: Förderturm der Zeche Radbod, Foto: Ruhrpott Roamers / Carsten Deckert. Online unter: https://www.instagram.com/p/BagK3aClon4/?utm_source=ig_web_copy_link (Stand: 08.07.2019).
Abb. 3: Korte Klippe Essen, Foto: Ruhrpott Roamers / Carsten Deckert. Online unter: https://www.instagram.com/p/BqSWkppH35n/?utm_source=ig_web_copy_link (Stand: 08.07.2019).
Abb. 4: „Morgenstimmung über dem Amazonas?“, Meme: Das Ruhrgebiet, Initiativkreis Ruhr. Online unter: https://www.instagram.com/p/Bw9F1FGFDba/?utm_source=ig_web_copy_link (Stand: 08.07.2019).


[1] Die Ruhrpott Roamers. Online unter: http://www.ruhrpottroamers.de/roamers/ (Stand: 08.07.2019). Ergebnisse einer teilnehmenden Beobachtung bei der Veranstaltung „Instagram Meetup Ruhr Vol. 5“.
[2] Initiativkreis Ruhr: Unsere Ziele. Online unter: https://i-r.de/initiativkreis/unsere-ziele/ (Stand: 08.07.2019).
[3] Vgl. ebd. und Die Ruhrpott Roamers. Online unter: http://www.ruhrpottroamers.de/roamers/ (Stand: 08.07.2019).
[4] Das Ruhrgebiet: Meme-Generator. Online unter: https://www.dasruhrgebiet.de/meme-generator (Stand: 08.07.2019).
[5] Ebd.
[6] Als „Stories“ bezeichnet man bei Instagram die Möglichkeit, Geschichten aus einer Reihe von Fotos, Videos in Verbindung mit Text oder anderen Features zu posten, die nur für 24 Stunden sichtbar sind. Neue Features erlauben eine Interaktion mit Abonnent*innen.
[7] Lindner, Rolf: Ethos der Region. In: Ders. (Hg.): Die Wiederkehr des Regionalen. Über neue Formen kultureller Identität. Frankfurt a. M. 1994, S. 201-231, hier S. 209f.
[8] Ebd., S. 211.
[9] Ebd., S. 218.
[10] Ritter, Christian: Postmigrantische Balkanbilder. Ästhetische Praxis und digitale Kommunikation im jugendkulturellen Alltag. Zürich 2018, S. 164.
[11] Ebd., S. 165.
[12] Ebd., S. 105.